Ist mein Lektor gut (genug)?

Es sei vorausgeschickt, dass ich in diesem Posting Korrektorat, Lektorat und verwandte Dienstleister alle in einen Topf haue. Was ich hier mit Lektor meine, sind  alle Dienstleister, die daran arbeiten, unsere Texte zu verbessern, (auch egal ob weiblich oder männlich, um mir genderkorrekte Schreibweisen zu ersparen). Jeder Autor, Schreiber, Verfasser, Texter, hat zu seinem Lektor ein Verhältnis ähnlich wie zu seinem Zahnarzt oder eine Frau zu dem Friseur ihres Vertrauens: Vereinfacht gesagt: Es ist Vertrauenssache und es ist schwierig!

Auch die Lektoren haben es nicht leicht. Sie müssen ihre Kundschaft sorgfältig behandeln und dürfen sie keinesfalls vergrätzen, in dem sie ihnen den Text um die Ohren hauen wie damals meine zickige Deutschlehrerin. Mein Lektor, immer ganz freundlich: »Ach, ich habe gerade an Sie gedacht und mich gefragt, wie sich Ihr neuestes Werk entwickelt. « Ein anderer schreibt immer zurück: »Ich lese gerne Ihre Arbeiten, die sind so schön….«, sagt immer etwas Positive, selbst dann, wenn ich ihm wieder mal totalen Schmarrn vorlege. Klar, der Lektor will auch leben und ist dabei in einem Zwiespalt: Wenn er meinen Text zerreißt und runtermacht, dann werde ich vielleicht keine Arbeiten mehr in Auftrag geben. Auf der anderen Seite, wenn er (oder sie) alles nur »toll« findet, dann besteht die Gefahr unfertige Sachen in die Welt zu entlassen. Schlimmer noch, wenn in der Titelei der Name des Lektorats erwähnt wird. Auch nicht gut. Die Preise für Dienstleistungen am Text sind sehr verschieden und reichen von weniger als € 1.50 pro Normseite (das entspricht etwa € 0.06 Cent pro 10 Worte) bis zu US$ 1.20 und mehr pro 10 Worte wissenschaftlicher Schreibe auf Englisch. (Ja, wissenschaftliche Editoren, Wileys, Elsevier, rechnen nach Worten ab.) Was bekommt der Autor für sein gutes Geld? Was genau soll der Lektor machen, wie ist seine Arbeit definiert?

Was ich mit diesem langen Beitrag anstoßen will, ist eine Diskussion um eine Art Katalog, Menükarte, die die Leistungen des Lektors besser definiert und klarer zu den Kosten bzw dem Preis in Beziehung setzt.Hier ein paar Punkte der üblichen Textarbeit, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben:

1a. Belletristisches Lektorat:

  • Korrektur lexikalisch-semantischer Fehler
  • Formulierungshilfen und Alternativvorschläge,
  • Arbeit an der Textkohärenz,
  • Arbeit Darstellung von Orten, Requisiten, usw.
  • Arbeit an der Darstellung der handelnden Figuren,
  • Arbeit an Spannungsbögen, Handlungswendungen usw.

1b. Wissenschaftliches Lektorat:

  • Richtige Anwendung der Fachterminologie,
  • Schlüssigkeit und Stringenz der Argumentation und Ergebnisdarstellung,
  • Wissenschaftlichkeit, Struktur, Zitation entsprechend den Vorgaben des Publishers,
  • U.u.die Such nach und Enttarnung von Plagiaten.

2. Line Editing:

  • Korrektur syntaktischer Fehler,
  • Korrektur lexikalisch-semantischer Fehler,
  • Formulierungshilfen und Alternativvorschläge,
  • Arbeit an der Textkohärenz.

3. Rechtschreibung. Satzzeichen / Copy Editing:

  • Korrektur der Orthographie,
  • Korrektur der Interpunktion.

4. Korrekturlesen / Proofreading:

  • Herstellung einer druckfertigen Vorlage ohne Fehler in der Orthografie und Interpunktion unter Anwendung der entsprechenden Duden-Regeln und Rechtschreibreform,
  • Korrekte Silbentrennung,
  • Anwendung typografischer Stilmittel (passende Anführungszeichen, Apostrophe, Gedankenstriche, Ligaturen, u.v.m.).

Wie bei einer Pizza: »Extra Anchovies kosten € 1.50 mehr (Shrimps noch mehr)«. Zum Mitnehmen? Eilauftrag, 657 Seiten in einer Woche? Literaturlisten checken? -– Klar geht alles, kostet aber auch mehr. Auch umgekehrt: Wenn der Lektor zwei Wochen verspricht, aber nach zweieinhalb Monaten immer noch nicht mit der Ware rüberkommt oder schludrige Arbeit abliefert, dann sollten Abzüge fällig werden. Und überhaupt, was ist schludrige Arbeit? Wie viele Fehler sind nach dem finalen-end-end-gültigen Korrekturlesen noch erträglich? Ein Typo pro hundert Normseiten? -– Eben, genau deswegen schreibe ich diesen Post. Wenn der Umfang der Textarbeit genau genau definiert sind, dann sind die Erwartungen auf beiden Seiten vergleichbar und die Zusammenarbeit sollte problemlos sein. Ja klar, es gibt im Internet und bei den zuständigen Berufsverbänden jede Menge Musterverträge. Allen ist gemeinsam, dass sie kritischen Stellen recht allgemein und oft praxisfremd gehalten sind.